48- RA-RU-RICK KABELBINDERTRICK
29.9.2019, katrin[at]lightriders[dot]info, martin[at]lightriders[dot]info
Unsere Route

23.9.2019
Wir konnten im Hotel in Suomussalmi ausschlafen. Check-out ist üblicherweise 12:00 und Frühstück gab es keines. Wir planten heute wild zu campieren, da die nächste Ortschaft 120km entfernt ist. Da konnten wir es heute gemütlich angehen. Ich hatte im Vorfeld ein Café, das für seine lokalen Spezialitäten hier bekannt ist, ausfindig gemacht. Das traf sich perfekt und wir beschlossen dort zu frühstücken. Probiert wurde alles, von Muikkukukkonen: Roggenbrot mit Kleinen Maränen (Süßwasserfisch, Familie der Lachsfische), über Riisipiirakka: karelische Piroggen mit Milchreisfüllung bis hin zu Rönttönen: Roggentasche mit Preiselbeeren und Erdäpfeln gefüllt und ein traditionelles Süßgebäck aus Kainuu.

Im Supermarkt wurden nochmals Grillwürstel für Martin und Grillkäse für mich nachgekauft. Nachdem auch der hiesige Baumarkt Benzin nur in 5L Kanistern verkauft, fuhren wir los. Vorwiegend ging es über Forststraßen.

62km sollten es bis zu einem Unterstand (Shelter) sein, der auf Martins Open Android Map eingezeichnet war. In Finnland gibt es viele benützbare, öffentliche Feuerstellen- sei es als Lavvus (teilweise überdacht), Kotas (komplett geschlossen), oder offen. Manchmal gibt es auch Hütten oder eben Unterstände (Shelters) in denen man übernachten kann. 3km vor dem Ziel war überraschend eine zu mietende Unterkunft angeschrieben. Meine Phobie gegen kalte Nächte im Schlafsack ließ mich hoffen. Doch als wir dort ankamen, sah es irgendwie verlassen aus. Ich entschied daraufhin zu campieren. Immerhin war es zwar ein windiger, aber sonniger Tag. Entsprechend der Navigation bogen wir von der Forststraße auf einen Waldweg ein, der um einen Hügel führte. Na, ich war gespannt. Zuerst war nur Sumpf zu sehen, dann ein See. Je näher wir dem Ziel kamen, desto besser erkannten wir eine idyllisch gelegene Feuerstelle mit einem Unterstand und einige Meter entfernt sogar einem Outdoorklo. Da sich die Feuerstelle hinter dem Hügel befand, war es hier windstill und angenehm. Wir entschlossen uns im Zelt zu übernachten und suchten einen geeigneten Platz dafür.

Die Schlafstätte wurde eingerichtet und das Feuer angeheizt.

Wir saßen am Feuer, grillten unsere Würstel oder unseren Käse und genossen einige Tässchen Tee.

Das Feuerholz war trocken und so konnten wir den Abend gemütlich draußen am Feuer verbringen. Irgendwann kuschelten wir uns doch in unsere Schlafsäcke. Und nachdem es bewölkt war, bestand auch keine Gefahr ein Nordlicht zu verpassen. Heute ist Equinox- Tag/Nachtgleiche- die das Auftreten von Nordlichtern begünstigen soll. Wir bewegen uns leider immer weiter weg vom Polarlichtoval, und die Sonne ist in ihrem Aktivitätsminimum angelangt. Die Prognosen sind schlecht und das Wetter auch. Heute jedenfalls werden wir nix versäumen.

24.9.2019
Erst gegen 8:30 wachten wir auf. Es dürfte in der Nacht kalt gewesen sein, da teilweise Raureif zu sehen war. Mir ist im Schlafsack ausnahmsweise warm gewesen. Gut geschlafen habe ich dennoch nicht. Ich habe mir immer eingebildet etwas gehört zu haben. Ein Rascheln, ein Knacksen, ein Klopfen...wahrscheinlich bin ich es wirklich nicht gewöhnt, dass es so still sein kann. Der Morgen war jedenfalls wunderschön. Sonne, blauer Himmel und ein spiegelglatter See.

So beschlossen wir, die Morgenstunden zu genießen und frühstückten am Feuer.

Dafür musste zunächst für Frischwassernachschub gesorgt werden. Wahrscheinlich wäre die Filtration des Wassers hier gar nicht notwendig, aber wir wollen nichts riskieren.

Es gab Kaffee und Schinken-Käse Toast mit Seeblick. Ein Genuss!

Gegen 12:00Uhr waren wir startklar.

Unser Weg führte uns mittlerweile bei Wolken nach Kuhmo. Das sollte unser nächster Stopp sein. Auf dieser Strecke gab es keine besonderen Vorkommnisse.

Wir trafen gegen 17:00 in Kuhmo ein und nahmen uns ein Zimmer in einem Hotel. Die Rezeptionistin war sehr bemüht und freundlich. Wir durften unsere Räder sogar in den Eingangsbereich stellen. Die durften also auch nach langer Zeit mal wieder einen warmen und trockenen "Schlaf"platz genießen. Wir konnten auch die Waschmaschine und den Trockenschrank benutzen und ich genoss einen Saunagang. Danach organisierten wir uns etwas Essbares. Die Lokale waren alle geschlossen, die hatten nur zu Mittag offen. Nur ein Kebap-Pizza take away war geöffnet. Pizza geht immer. Ich wählte eine Pizza, Martin ein Kebap. Da mein Finnisch so gut wie nicht existent ist, nahm ich die Pizza wo ich zumindest ein Wort verstand: Ananas. Das ist sicherlich so etwas wie Pizza Hawaii- das mag ich. Wir bekamen unser Packerl und gingen zurück ins Hotel. Hier ist es üblich, sich im Hotel etwas Mitgebrachtes zu wärmen. Es gibt entweder am Zimmer oder im Gemeinschaftseck meist einen Wasserkocher, eine Kaffeemaschine und teilweise sogar eine Mikrowelle. Hier gab es sogar Besteck. Als wir im Hotel ankamen, trafen wir auch auf das Grüppchen Männer wieder, die sich vor uns ihre Pizza abgeholt hatten. Der Gemeinschaftstisch war belegt und so gingen wir aufs Zimmer. Ich öffnete die Pizzaschachtel... oje Pilze und Gorgonzola... und Ananas natürlich. Ich bin kein übergroßer Fan von Pilzen und Gorgonzola. Aber probieren kann man es. War gar nicht so schlecht. Martins Kebap allerdings war nicht so gut. Wir hatten beide Hunger und ich verschlang die Pizza in Windeseile. Meinem Bauch war das gar nicht recht- ich sollte das mittlerweile wissen.

25.9.2019
Nach dem Hotelfrühstück machten wir eine Einkaufstour durch Kuhmo. In der Apotheke bekamen wir fürs Erste 100ml Reinigungsbenzin für unseren Kocher. In der schnuckeligen Bäckerei daneben kauften wir noch frisches Rieska- finnisches Fladenbrot- eines aus Erdäpfeln und eines aus Gerstenmehl. Im Baumarkt besorgte sich Martin eine Isoliertrinkflasche fürs Rad-damit er seinen eigenen Tee trinken kann- ebenfalls eine Reflektierweste und ein Digitalthermometer. Wir wollen gerne wissen wie kalt es tatsächlich in der Nacht ist. Schließlich ist es nicht uninteressant ab welchen Temperaturen er Schlafsack zu kalt ist. Diese Fragestellung muss entsprechend wissenschaftlich angegangen werden und nicht nach der Beurteilung ob es am nächsten Morgen Reif gab oder nicht. Gut ausgestattet starteten wir auch heute bei Sonnenschein.

Mein Bauch rebellierte noch immer wegen der Pizza. Das war auf der grobkörnigen und holprigen Kiesstraße auch nicht hilfreich.

Wir erreichten Nordkarelien- das wollte ich gerne sehen. Und nach 50km kamen wir in das Peurajärvi Erholungsgebiet- ein dichter Föhrenwald mit einigen Seen. Hier gab es wieder einige ausgewiesene Feuerstellen und da unser geplanter Übernachtungsplatz noch 30km entfernt war, mein Bauch gar keine Lust auf radln hatte, suchten wir uns eine nette Stelle zum Übernachten aus. Wir sahen uns drei der ausgewiesenen Feuerplätze an. An der Besten angekommen, begrüßte uns ein finnisches Paar, das hier offensichtlich auf ihrer Autofahrt pausierte. Wir plauderten wohin wir unterwegs waren und ich fragte, ob wir hier auch das Zelt aufstellen dürften. Ja, das ist ein guter Platz dafür. Die Frau erzählte uns auch noch, dass sie eben im See schwimmen war, deshalb habe sie den Handtuchturban auf. Brrrr.... nicht schlecht. Ich mach das höchstens nach der Sauna, meinte ich.

Das Paar fuhr wieder weiter, wir stellten unser Zelt auf und heizten ein Feuer an.

Während Martin anscheinend nicht genug vom Würstelgrillen bekommt, legte ich heute einen Fastentag ein.

Wir genossen noch die Wärme des Feuers bis es dunkel war.

Um Punkt 21:00 begann es wie vorausgesagt leicht zu regnen und wir verzogen uns ins Zelt. Für heute Nacht waren plus 3 °C als Mindesttemperatur angesagt. Ha, wir werden das überprüfen- das Thermometer ist installiert. Hier im Föhrenwald ist es mucksmäuschenstill und finster... Ja, eine Finnin in Ivalo hat uns erzählt, die Finnen sagen in Nordkarelien ist es finster. Der erste Eindruck bestätigt das. Nachdem wir noch das Tagebuch auf gleich gebracht haben, heißt es bei Regengeprassel gute Nacht.

26.9.2019
Wir haben uns den Wecker auf 7:00 gestellt. Schließlich wollen wir noch bei geöffneten Cafés in Nurmes ankommen. Bisher sind wir immer erst abends oder frühestens am späten Nachmittag in einem Ort angekommen und die Cafés sperren meist gegen 15:00/16:00 zu. Das müssen wir natürlich ändern. Also stehen wir schlussendlich um 7:30 auf, obwohl es mich viel Überwindung kostet aus dem warmen Schlafsack zu kriechen. Der Blick auf das Thermometer verriet mir, dass es in der Nacht 3°C hatte. Das schien eine gute Temperatur für mein Schlafsackwohlgefühl zu sein, denn kalt war mir nicht. Martin heizt das Feuer an, kümmert sich um das Frühstück und ich räume im Zelt alles weg. Klare Arbeitsteilung. Um 10:00 geht es los. Die Strecke beginnt sehr idyllisch auf einer guten Forststraße durch einen dichten Wald.

Nach 10km erreichten wir heute unsere 8000km Marke.

Der Belag wird wieder zu einer eher groben Kiesstraße und die Kilometer ziehen sich dahin. Wir kommen in landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Seit langer Zeit sehen wir wieder einmal Getreidefelder. Auch einige Rinderbauern dürften hier beheimatet sein. Nach 40km erreichten wir Nurmes und unser erster Weg geht ins Café. Dieses befindet sich im alten Bahnhofsgebäude.

Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wo ich das letzte Mal einen Bahnhof gesehen habe. In Røros? Naja. Jedenfalls scheint hier die alte Schalterhalle in ein Café umgewandelt worden zu sein.

Martin entscheidet sich für das hier übliche Mittagsbuffet, während ich den hauseigenen Veggieburger probiere. Beides sehr gut! Als Nachspeise gab es eine Schokoladentorte und für mich natürlich einen Café latte. Auch den habe ich schon lange nicht mehr gehabt. Der Bauch ist wieder versöhnt! Wir entscheiden uns gegen 15:30 hier zu bleiben und organisieren uns ein Zimmer in einem Hotel, das früher einmal ein Altenheim war. Wir hatten die Wahl zwischen Jugendherbergenzimmer oder Hotelzimmer... Die Wahl fiel auf die Luxusvariante mit Frühstück und eigenem Bad. Bei der Nachfrage ob es einen bestimmten Platz für unsere Räder gäbe, meinte die Rezeptionistin, dass wir die Räder gerne mit aufs Zimmer nehmen können. Wie bitte? Das haben wir ja noch nie gehört. Üblicherweise geht sich das in einem Standardhotelzimmer gar nicht aus. Naja, wir beschließen die Räder am Radunterstand erstmal abzusperren und uns das anzusehen. Als wir das Zimmer betraten wurde es uns klar. Das Zimmer war riesig. Wahrscheinlich deshalb, weil alles rollstuhlgerecht und sehr großzügig eingerichtet war. Den Rollstuhl brauchen wir zwar noch nicht... aber die Räder lassen wir trotzdem am Fahrradständer.

27.9.2019
Unter anderem stärkten wir uns beim Frühstücksbuffet mit Puuro und Riisipuuro (Porridge und Milchreis). Nachdem wir etwas herumgetrödelt und uns mit dem Computer herumgeärgert hatten, starteten wir relativ spät aus Nurmes. Es war grau in grau und nieselte.

Nach 40km über Neben- und Forststraßen war eine Kaffeepause in Juuka zum Aufwärmen geplant. Das Kaffeehaus war auch schnell gefunden und wir stärkten uns erstmal. Das mit dem Aufwärmen hat nicht so geklappt- wir dürften doch etwas kälteempfindlicher sein als die FinnInnen. Wir wollten heute noch bis nach Koli kommen. Das waren immerhin noch über 40km. Wir dachten zuerst, dass wir vielleicht über die Hauptstraße 6 fahren sollten, da dies die kürzere Variante wäre. Aber nach nur 500m auf dieser Straße beschlossen wir lieber mehr Kilometer in Kauf zu nehmen als bei diesem Wetter und dem Verkehr auf der 6er zu fahren. Also fuhren wir die 500m wieder zurück und bogen in die nächste Nebenstraße ein.

Mit Einbruch der Dunkelheit, es wird ja mittlerweile bereits um 19:00 finster, kamen wir in Koli an. Im ersten Bed&Breakfast, das gleichzeitig auch ein Pub war, fragten wir nach einem Zimmer. Leider alles ausgebucht. Schade! Die Dame empfahl uns gegenüber bei der Touristeninfo die Liste der Unterkünfte anzusehen, da würden auch die Telefonnummern dabeistehen. Sie nannte uns noch drei Übernachtungsmöglichkeiten nicht weit von hier entfernt wo wir es als erstes probieren sollten. So trabten wir über die Straße und studierten den Lageplan und die Kontaktliste. Beim ersten Versuch ging niemand ans Telefon aber laut Internetbuchungsportal gäbe es noch freie Zimmer. Auf einmal kam aus dem Pub eine Dame auf uns zu und fragte, ob wir englisch sprechen. Sie hätte mitbekommen, dass wir ein Zimmer suchten und wir doch sehr müde sein müssten nachdem wir mit dem Rad unterwegs waren. Sie hatte daher bei einer Unterkunft in der Näher angerufen und für uns nachgefragt ob es noch ein freies Zimmer gab. Und ja die hatten noch etwas für uns frei und wir könnten gleich hinfahren. Das wollte sie uns sagen. So lieb- ja natürlich wollten wir es nehmen. Sie würde auch gleich nochmals anrufen, dass wir vorbei kommen. Sie erzählte uns, dass sie lange Zeit in der Reisebranche gearbeitet hatte. Sie war heute auf dem Ukko-Koli gewesen, einem Aussichtspunkt mit gigantischem Blick über den Pielinen See der schon viele KünstlerInnen und SchriftstellerInnen eine Inspiration war. Genau deshalb sind wir hierher gekommen. Dort wollen wir morgen auch hinauf. Wir radelten los, winkten der hilfsbereiten Frau nochmals zu und freuten uns auf ein warmes Bett.

Bei der Unterkunft angekommen, erwartete man uns schon. Das Apartment war wirklich schön und wir hätten uns gerne noch für eine zweite Nacht eingemietet, aber leider war es am nächsten Tag schon gebucht. Na gut- wir waren sehr froh, dass wir immerhin für heute ein warmes und kuscheliges Bett hatten.

28.9.2019
Um 8:00 war Tagwache und wir frühstückten. Alle unsere feuchten Sachen waren über Nacht getrocknet. Draußen war es neblig.

Der Nebel sollte sich am Vormittag laut Wettervorhersage noch lichten und die Sonne herauskommen. Gute Voraussetzungen um den Blick über den Pielinen See genießen zu können. Bis wir unsere sieben Sachen zusammengepackt haben, würde sich der Nebel verzogen haben. So war es auch und wir waren startklar. Kurz besprachen wir noch ob wir nach dem Anstieg auf den Ukko-Koli weiter nach Eno fahren oder uns hier noch eine Übernachtung suchen sollten. Nach 50m Fahrtstrecke erübrigten sich alle Überlegungen. Die Felge von Martins Hinterrad war gerade dabei sich in der Mitte auseinanderzusprengen.

Nach einer kurzen Phase der allgemeinen Ratlosigkeit beschlossen wir zuerst einmal zurück auf den Hof unserer Unterkunft zu schieben. Dort war es einfacher über Lösungsansätze nachzudenken. Martin untersuchte den Schaden, während ich mal wieder nach Sportgeschäften oder sogar Fahrradwerkstätten in der Umgebung recherchierte. Immerhin trennten uns von dem nächsten größeren Ort, Joensuu, "nur" 60km. Einen Bus ausfindig zu machen widerstrebte uns, das wäre Plan B. Martin fehlte es nicht an Improvisationsgeist. Zuerst wurde Reifen, Schlauch und Felgenband entfernt um den Schaden genauer begutachten zu können. Ergebnis: Ein Riss zog sich bereits in der Felgenmitte fast über den ganzen Umfang. Die Felge teilte sich also praktisch der Länge nach in zwei Hälften. Dann wurde ein Stück eines alten Schlauches, das wir glücklicherweise aufgehoben hatten, über den scharfkantigen Bereich als Schlauchschutz gelegt. Schlauch und Reifen wurden wieder normal montiert und Felge und Reifen wurden zusammengeflickt um ein weiteres Aufplatzen zu verhindern. Dazu verwendete er die letzten übrig gebliebenen Kabelbinder, die wir in der Nähe von Lindesnes (ja, das ist der südlichste Punkt Norwegens) vor vielen Kilometern gekauft haben. Es zahlt sich also wirklich aus immer ein paar Kabelbinder dabei zu haben.

Zu allem Überfluss gab auch noch meine kleine Knipsikamera den Geist auf als ich Martins Improvisationskünste fotografieren wollte. Das Objektiv fuhr 5mm raus und blieb dann stecken. Nichts zu machen. Na super, die Kamera ist für 80% der Schnappschüsse verantwortlich und auch während der Fahrt zu bedienen. Das ist jetzt wirklich zu ärgerlich. Heut ist irgendwie der Wurm drin. Der Einbau des geflickten Hinterrads mittels Steckachse raubte uns nicht nur mehr Nerven sondern auch Zeit als der ganze Ra-Ru-Rick Kabelbindertrick. Ich packte mir noch einen Packsack von Martin auf meinen Packlträger um ihm und seinem Gaul Gewicht abzunehmen und wir entschieden, auf dem kürzest möglichen Weg nach Joensuu zu radln, das waren immerhin 60km. Ob unsere behelfsmäßige Konstruktion wirklich so lange halten würde? Wir hatten unsere Zweifel. Jedenfalls bedeutete das, den größten Teil der Strecke auf der Hauptstraße 6 zurückzulegen. Doch bis dahin mussten wir erst einmal kommen. Auf einer Forststraße ging es hügelauf und hügelab. Ja, in Koli waren die Hügel etwas höher als wir es bisher gewohnt waren. Jemand erzählte uns, dass vor der Eiszeit der Bergzug um Koli entlang des Pielinensees einmal so hoch war wie die Alpen. Sind wir froh, dass dies heute nicht mehr so ist. Martin fuhr noch dazu mit weniger Reifendruck- das erleichterte ihm die Sache nicht. Aber mir verschaffte es einmal einen Vorteil! Ich kam ohne Probleme mit seinem Tempo mit.

Wir erreichten nach 13km die 6er und es ging zügig weitere 27km bis Kontilahti. Dort legten wir einen kurzen Stopp beim Supermarkt ein. Martin wollte noch Ersatzkabelbinder für seine Spezialanfertigung besorgen. Zur Sicherheit. Bisher schien jedoch noch alles im grünen Bereich zu sein, alle Kabelbinder waren noch vorhanden und die Felge war nur minimal weiter aufgeplatzt. Leider hatten sie weder in dem einen noch in dem anderen Supermarkt Kabelbinder. Dafür sprach uns ein netter Finne an und empfahl uns eine schöne Route nach Joensuu entlang des Sees. Diese wäre länger gewesen und wir entschieden uns mit dem explodierten Hinterrad auf unserer ursprünglichen Route weiter zu fahren. Immerhin führte diese ab nun auf einem Radweg oder einer Nebenstraße weiter. Wir kamen doch tatsächlich ohne weitere Zwischenfälle in Joensuu an.

Ich hatte bereits ein Hotel ausfindig gemacht welches wir zielstrebig ansteuerten und uns gleich für drei Nächte einbuchten. Morgen ist Sonntag und wir können nichts organisieren, das wird erst am Montag möglich sein. Das bedeutet, der frühestmögliche Weiterreisetermin wäre der Dienstag. Wir duschten und Martin checkte die Fahrradwerkstätten und Sportgeschäft im Internet ab. Auf dem Weg zu einem Abendessen forschten wir nicht nur ein Café fürs Frühstück aus, sondern auch eine der Fahrradwerkstätten, die in der Nähe lag. Der handgeschriebene Zettel an der Tür ließ uns nichts Gutes vermuten. Es scheint bis 7.10. Betriebsurlaub zu geben. Mist! Naja, es gibt ja noch mindestens drei andere Sportgeschäfte. Die können uns vielleicht weiterhelfen. Das werden wir aber erst am Montag sehen. Wir entschieden uns für ein italienisches Lokal und wir, besser gesagt Martin, fachsimpelte am Tisch über den Hergang des Felgenbruches und versuchte mir die physikalischen Grundprinzipien des Luftdrucks im Reifen näher zu bringen. Nach einer Weile fragte unser Sitznachbar in perfektem Deutsch ob Martin denn Ingenieur sei. Verdutzt meinten wir: nein. Er habe gehört wie wir über Luftdruck redeten und daher dachte er Martin wäre vielleicht Ingenieur. Nein, wir haben nur ein kleines Fahrradproblem. Er erkundigte sich nach dem Problem und wir unterhielten uns und genossen unser Abendessen. Als wir zahlten und schon gehen wollten, überreichte uns der Herr einen Zettel. Er hatte uns die Adresse einer Fahrradwerkstätte hier herausgesucht. Es war genau die Werkstätte, die wir zuvor besucht hatten und er bestätigte uns, dass wir den Zettel an der Türe richtig interpretierten als ich ihm das finnische Wort, welches ich dort gelesen hatte, sagte. Daraufhin übergab er uns seine Visitenkarte und meinte, dass wir uns melden sollten falls wir Probleme haben. Wir waren wirklich überwältigt von dieser Hilfsbereitschaft. Wir tauschten auch unsere Kontaktdaten aus und hoffen, dass wir uns in Wien dafür revanchieren können. Morgen ist einmal Pause angesagt, da können wir eh nichts weiter tun. Am Montag wissen wir dann mehr. Es bleibt spannend, ob und wie wir es schaffen werden Ersatz zu besorgen.

29.9.2019
Heute am Sonntag gingen wir es gemütlich an. Wir gingen in ein Café am Flussufer frühstücken und schlenderten dann ein wenig in Joensuu herum.

Zuhause ist ja heute großer Wahltag. Als pflichtbewusste StaatsbürgerIn haben wir natürlich auch von unserem Wahlrecht mittels Wahlkarte Gebrauch gemacht. Die Beantragung ist ja problemlos online möglich. Die weiteren Schritte waren allerdings gar nicht so einfach, da wir uns die Wahlkarte nicht einfach zuschicken lassen konnten. Wir sind ja ständig unterwegs und haben keine fixe Postadresse. Also haben wir zunächst eine Vollmacht an meine Mama, die ja bereits von der EU Wahl im Mai Expertin bezüglich Wahlkartenübernahme ist, gesendet, damit sie auch diesmal für uns die Wahlkarte im Wahlreferat abholen kann. Das glückte erst beim zweiten Versuch, da die erste (eingeschriebene!) Postsendung mit unseren Vollmachten am Postweg verloren ging. Die weitere Vorgehensweise war dann einfach: Harald hat Botendienst gespielt und uns die Wahlkarten nach Saariselkä mitgebracht, wo wir sie auch gleich ausgefüllt haben. Danach gings wieder per persönlichem Botendienst Julia zurück nach Wien, wo die Wahlkarten rechtzeitig im zuständigen Wahlbüro abgegeben wurden. Drei Personen und zwei Postsendungen waren involviert- wir haben also keine Kosten und Mühen gescheut um unseren demokratischen Pflichten nachzukommen. Ohne Unterstützung unserer lieben Helferlein zu Hause wäre das nicht möglich gewesen. Danke! Es zählt schließlich jede Stimme.

Gesamtkilometerstand: 8180km

Top Übersicht
© lightriders.info, Impressum