42- 71°10'21'' NORD
24.8.2019, katrin[at]lightriders[dot]info, martin[at]lightriders[dot]info
Unsere Route

20.8.2019
Gut gelaunt machten wir uns nach unserer Ankunft und Stärkung in Honningsvåg erst am späteren Nachmittag auf den Weg zu unserem Reiseziel- dem Nordkap.

Kurz nach der Ortsausfahrt überschritten wir den 71. und letzten Breitengrad! Wir sind ganz offensichtlich auf dem richtigen Weg.

10 Minuten und 21 Sekunden nördliche Breitengrade oder 31km sind ab hier für uns noch zu strampeln.

Anfangs radelte es sich ganz gut der Küste entlang. Unsere Motivation war dementsprechend hoch, und das Wetter passte auch.

Hoch sind aber auch die Hügel auf der Insel Magerøya, und der erste ließ nicht lange auf sich warten. Schon von weitem sahen wir den Straßenverlauf und die erste steile Rampe. Norwegen wollte es auf den letzten Kilometern noch mal so richtig wissen und verlangte einiges an Wadelschmalz von uns ab. Bei Windböen von allen Seiten- außer von hinten- kämpften wir uns von 0 auf 290m Höhe.

10km lang ging es wie üblich bergauf, bergab weiter. Kaum hat man die Höhenmeter erklommen, werden sie zumindest teilweise gleich wieder vernichtet um sie dann erneut wieder hinauf zu strampeln. Aber das kennen wir ja schon und lassen uns dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Nur der kalte Wind wird langsam unangenehm. Je näher wir dem Nordkap kamen, desto grauer wurden auch die Wolken. Am Nordkap soll das Wetter ja in 90% der Fälle miserabel sein.

Die Aussichten und Lichtverhältnisse waren allerdings gigantisch.

Da die Wettervorhersage für morgen Vormittag absoluten Sonnenschein prophezeite, es sowieso schon relativ spät war  und wir vor den Reisegruppen der Hurtigruten-Linie unseren "Gipfelsieg" genießen wollten, entschieden wir uns noch für eine Übernachtung auf einem der letzten Campingplätze 13km vor dem Kap in Skarsvåg. Dort quartierten wir uns in einer gemütlichen Hütte ein. Hier bereiteten wir den Blogartikel Nr. 41 vor.

Martin machte noch im späten Abendlicht eine Extratour zum Kirkeporten. Das ist eine natürliche Brücke aus Fels. Im richtigen Winkel betrachtet kann man durch die Öffnung die Nordkapklippe sehen.

Während Martin auf seiner Kirkeporten-Expedition war, schaute Familie Rentier bei uns auf dem Campingplatz nach dem Rechten.

Das Gras in unserem Vorgarten dürfte besonders wohlschmeckend gewesen sein.

21.8.2019
Heute war der große Tag. Der Wecker läutete um 7:00. Der erste Blick: natürlich aus dem Fenster. Bewölkt- aber mit deutlicher Aussicht auf Auflockerung. Den zweistündigen Zeitplan für Frühstück und Zusammenpacken hielten wir strikt ein. Um 9:00 starteten wir los- die Wolkendecke hatte sich bereits gelichtet.

Bei diesem Wetter waren wir alle besonders motiviert. Bis zur ersten Kurve- da sprang die Kette auf Martins Fahrrad raus und verklemmte sich zwischen Rahmen und Kettenblatt. Ganz zur Freude von Martin- die letzten 2000km war das nie vorgekommen. Das kostete uns wertvolle fünf Minuten- hier kann man ja nie wissen wann der nächste Nebel einfällt. Außerdem hieß es wieder bergauf strampeln.

Immerhin ging heute kein Wind. Die Steigung hatte es in sich und nach jeder Kurve, bei der man hoffte, es würde jetzt eben weitergehen, sah man schon in der Ferne dass es bloß noch weiter hinauf ging.

Die Strecke zog sich. Wir wollten doch schon endlich ankommen...! 10km sind normalerweise nicht der Rede wert. In einem der letzten Anstiege gabs den zweiten Kettenfresser, die Kette grammelte und Martin grummelte.

Wir zwei Frauen konnten ein Kichern nicht unterdrücken. Lachend bemerkte ich, dass mein Hinterrad auch noch ein Trumpf im Ärmel wäre. Ich rechnete jeden Moment damit, dass es einen Patschen geben könnte da wir nach dem letzten Schlauchwechsel schon einmal nachpumpen mussten. Wir nahmen die letze Steigung auf das Nordkapplateau in Angriff.

Und da war er.....der idyllische, nördlichste Riesenparkplatz der Welt. Von der Dame am Ticketschalter des Parkplatzes bekamen wir ein "Daumen hoch", und sie winkte uns freundlich durch- wir mussten  nichts bezahlen. Und wo war nun eigentlich dieser Globus? Wir fuhren an der architektonisch wenig anspruchsvollen Nordkaphalle vorbei und da sahen wir ihn, den Stahlglobus der den nördlichsten Punkt Europas zu dem eine Straße führt und damit das Ziel unserer Reise markiert. Wider Erwarten waren relativ wenige Leute hier. Genau nach 5 Monaten und 6574km nach unserem Start in Wien sind wir am Nordkap angekommen

Eigentlich kaum zu glauben.

Ich hatte mir diesen Moment im Vorfeld ganz unglaublich überwältigend vorgestellt. Es war schön hier zu sein und vor allem bei Sonnenschein. Ich war erleichtert- ich hatte es geschafft- das Ziel war erreicht. Aber diese unglaubliche Überwältigung die ich mir vorgestellt hatte blieb aus, vielleicht weil wir schon eine lange Zeit unterwegs waren und uns auch Zeit gelassen hatten und schon  so viel geschafft haben, dann ist es eigentlich ein Ziel von vielen kleineren Zielen die wir schon erreicht hatten. Ein Ziel davon war Norwegen der Länge nach (Norge på langs) von Lindesnes ans Nordkap mit dem Rad zu durchqueren.

Die Gunst der Stunde mit dem einmalig schönem Wetter wurde genutzt und es wurden unzählige Fotos geschossen. Es war 10:25 und die Nordkaphalle sperrte sowieso erst um 11:00 auf um einen Kaffee und etwas Süßes zu uns zu nehmen. Zwei Südtiroler Radler kamen auch noch an und wir tauschten uns aus. Nach der ersten Fotosession gingen wir auf einen Kaffee. Lange konnten wir aber nicht still sitzen bleiben. Solange das Wetter schön war wollten wir noch Fotos mit Rad über Kopf, ohne Rad, mit oder ohne Helm, zu zweit, zu dritt,... machen. Justament schlitterten wir in die Ankunft der Hurtigruten-Reisebusse. Anfangs funktionierte es noch ganz gut, dass die Personen nacheinander zu dem Globus hinauf stiegen um sich fotografieren zu lassen. Aber Spezialisten sind bekanntlich immer dabei und irgendwann war nur mehr wildes Gewusel. Wir warteten geduldig ab und stellten uns als FotoassistentInnen zur Verfügung. Nach 45 Minuten war der Spuk weitestgehend vorbei und wir unterhielten uns noch mit ein paar neugierigen und gemütlichen Leuten die ebenfalls den Ansturm abwarteten. In jedem Fall hatten alle Leute eine Freude daran bei diesem tollen Wetter an diesem markanten Punkt sein zu dürfen- egal ob sie nun mit dem Schiff und Bus, dem Auto, Motorrad, dem Fahrrad oder zu Fuß hier her gelangt sind. Wir waren das natürlich auch. Normalerweise ist hier das Wetter oder die Sicht eher von der schlechten Sorte.

Mein Fahnenmast am Rad sollte heute auch noch eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Zum ersten Mal auf unserer Reise wurden wir von einer Dame auf die samische Flagge angesprochen. Es war eine Buschauffeurin die hier arbeitet und aus einer jener fünf Samifamilien stammt, die im Sommer auf der Insel Magerøya leben. Sie war tief berührt davon, dass jemand Aussenstehender/Fremder sich der Identität der Samen bewusst ist und in gewisser Weise nicht auf dieses Volk im hohen Norden, dem einzigen indigenen Volk Europas, vergessen hat. Auch angesichts der Geschichte dieses Volkes war es für uns alle ein ergreifender und berührender Moment- für mich einer der schönsten unserer Reise.Wir unterhielten uns noch sehr lange und erfuhren, dass sie eigentlich nie hier zum Globus kommt- aber heute machte sie des Wetters wegen eine Ausnahme. Es war ein einzigartiger Moment.

Ganz im Allgemeinen ist das Nordkap ein besonderer, markanter Ort und für viele Menschen aus der ganzen Welt der Beginn oder das Ziel einer kürzeren oder längeren Reise. Um es mit den Worten des Besitzers von "Honni Bakes" in Honningsvåg zu sagen: "If you want to meet crazy people- this is the right place."

Wir sind einigen RadlerInnen aus den unterschiedlichsten Gegenden der Welt (Japan, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Thailand, Spanien, Italien...) auf unserer Reise begegnet. Auf unseren letzen Kilometern zum oder vom Nordkap haben wir uns gegenseitig zugejubelt, uns angefeuert, jede/r freute sich mit dem/r anderen dass das Ziel in Reichweite ist. Man fühlt eine Verbundenheit, man hatte ja ein gemeinsames Ziel auch wenn man diese Leute nicht kannte und das ist das Schöne an so einer Reise. Die Begegnungen mit den Menschen überhaupt, ihre Herzlichkeit und Offenheit, ihre Geschichten- das sind die Höhepunkte unserer Reise.

Nachdem alle Fotos gemacht waren, wärmten wir uns bei einem zweiten Kaffee auf. Nächster Programmpunkt: Karten schreiben. Hier gibt es einen eigenen Poststempel für alle Karten die hier aufgegeben werden  und das wollten wir natürlich für unsere Grüße nutzen. Erst gegen 16 Uhr verließen wir das Nordkap und fuhren zurück nach Honningsvåg.

Es hatte wieder zugezogen und obwohl die Rückfahrt tendenziell bergab geht waren noch immer genug Anstiege zu bewältigen. Wir legten noch einen Zwischenstopp in dem Sami-Souvenirgeschäft neben der Straße ein um uns ein wirklich handgemachtes Andenken mitzunehmen- ein Tipp von der Buschauffeurin. Hier konnten wir die Frage klären wie das denn funktionierte, dass die Rentiere im Herbst durch den Magerøyasund schwimmen. Der Besitzer des Geschäfts war Rentiersame und erklärte uns, dass die Rentiere instinktiv an die Küste kommen wenn es Zeit für die Rückkehr an das Festland war. Er müsste nur das richtige Zeitfenster des Tidenkalenders abwarten damit die Strömung für die Rentiere nicht zu stark ist um die Tiere durch den Sund schwimmen zu lassen. Wir machten uns nun auf unsere letzten Kilometer nach Honningsvåg.

Hier regnete es uns nochmal kurz ein bevor wir im Vandrerhjem (Jugendherberge) ein nettes Zimmer bezogen.

22.8.2019
Heute schliefen wir uns mehr oder weniger aus. Wir hatten Zeit, da wir erst um 14:45 das Hurtigrutenschiff nach Vardø nehmen wollten. Wir frühstückten gemütlich und plauderten noch mit einem Gast den wir schon am Tag zuvor am Nordkap getroffen hatten. Am späten Vormittag checkten wir unsere Räder auf der MS Nordnorge ein.

Vor unserer Abfahrt aus Honningsvåg statteten wir der französischen Bäckerei "Honni Bakes" noch einen Besuch ab um uns mit einem vorzüglichen Pain au chocolat und Café latte den Tag zu versüßen.

Um 14:45 legte das Schiff ab. Heute war sozusagen ein Urlaubstag. Wir genossen die Zeit um unsere Aufzeichnungen und Fotos auf aktuellen Stand zu bringen, lernten wieder sehr nette Menschen kennen und stießen auf die erfolgreiche Fahrt 23° Nordwärts zum Nordkap an. Unser primäres Ziel so weit wie möglich in den Norden zu fahren wurde somit erreicht.

Wie geht es nun weiter? Alle, die unseren Blog gerne verfolgen und noch nicht genug haben können wir beruhigen: Es ist noch nicht zu Ende. Allerdings geht es nun zur Abwechslung südwärts weiter (hoffentlich wird uns bei der neuen Fahrtrichtung nicht schwindlig) und das nächste Ziel ist Finnland, Heimat der Sauna, der Mumins und des Weihnachtsmanns.

Gesamtkilometerstand: 6610km

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