23- WER NICHT HÖREN WILL MUSS FÜHLEN
21.5.2019, katrin[at]lightriders[dot]info, martin[at]lightriders[dot]info
Unsere Route

Nachdem wir am 15.5. bis spät nachts unseren Blog erstellt und hochgeladen haben, sind wir beide am nächsten Morgen erstens sehr spät und zweitens sehr geschlaucht munter geworden. Die Chance habe ich sofort ergriffen....sogar Martin meinte, ein Ruhetag könnte nicht schaden. Und so ließen wir es uns an diesem schönen Maitag mit sommerlichen Temperaturen gut gehen. Wir statteten dem Supermarkt in Austbygde einen Besuch ab um es uns danach in der Bäckerei gut gehen zu lassen. Kaffee und Napoleonkake standen auf dem Programm. Danach gingen wir durch den idyllischen Waldweg zurück auf den Campingplatz.

Wir nutzten den Tag und die tolle Ausstattung des Campingplatzes um Wäsche zu waschen und zu trocknen und ließen am Ufer des Tinnsjø unsere Seele baumeln. Das fiel uns nicht schwer bei dem tollen Wetter und der Aussicht.

 

Abgerundet wurde der Tag durch einen Besuch in der Sauna mit Blick auf den See und anschließendem Versuch sich im 6°C frischen Wasser abzukühlen. Bis zur Hüfte hab ichs geschafft- trotz vorheriger Instruktionen und Erklärung der Atemtechnik von der Eigentümerin des Campingplatzes die zu jeder Jahreszeit im Tinnsjø schwimmt- wirklich zu jeder!

Gut ausgeruht stellten wir am nächsten Tag beim Zusammenpacken einen neuen Rekord auf. Nach 1,25 Stunden waren wir startklar. Allerdings hatten wir vor der Abfahrt noch einen Termin. Heute am 17.Mai ist in Norwegen Nationalfeiertag: "Gratulerer med dagen!". In jedem Ort ist das  Programm für den Nationalfeiertag schon Wochen vorher ausgehängt.

Das Programm beginnt mit einem Umzug an dem die traditionellen Trachten- Bunads genannt- getragen werden. Den ganzen Tag wird gefeiert.

An diesem Tag ist überall die norwegische Flagge zu sehen.

Und man trägt jegliche Accessoires in den norwegischen Farben. Auch wir haben uns natürlich der Tradition angeschlossen.

Also sind wir in das Ortszentrum von Austbygde gefahren wo um 10:30 der Umzug starten sollte. Als wir dort ankamen, wurden wir sofort von einer Dame angesprochen: woher wir kommen, wohin wir fahren, ob wir wissen was heute los ist, wo und wann wir gestartet sind, was wir arbeiten, warum ich norwegisch gelernt habe,.... Es stellte sich heraus, dass die Dame für die  lokale Zeitung schreibt. Wir gaben offensichtlich eine derart exotische Erscheinung am 17. Mai ab, dass sie uns gleich angesprochen hat. Arbeitstitel- ich hoffe der vorläufige : "Aliens on the 17th of May". Ein deutschsprachiges Paar erklärte uns während des Umzugs die einzelnen Bunads - auch hier hat jede Region ihre eigene Tracht- und so starteten wir an diesem bedeutsamen Tag für Norwegen bei Sonnenschein und erstmals fast Kurzarmtemperaturen weiter nordwärts. Kurz nach dem Verlassen Austbygdes passierten wir auch unseren nächsten Breitengrad- und zwar den 60.

Es ging entlang des Flusses Austbygdåe und zur Abwechslung einmal stetig bergauf und zwar für 23km bis die Steigung für weitere 6km erst richtig  begann.

Die Strasse zweigte nach rechts ab und von da an ging es schnurstracks auf knappe 1100m, wir sind also ungefähr 900 Höhenmeter hochgestrampelt.

Gleich zu Beginn der Abfahrt kehrten wir in der Imingfjellhütte ein, die ein riesisges 17. Mai Buffet anbot.

Martin stärkte sich und wir besprachen wie wir von nun an weitefahren wollen. Es gab 2 Möglichkeiten:

1. Die Strasse weiter bis ins Tal hinunter fahren.
2. Abenteuer über das Fjell- laut Karte sollte vorwiegend ein Karrenweg über das Fejll führen und nur 3km sind als reiner Wanderweg ausgwiesen. Selbst wenn wir die 3km schieben müssten, wäre das überschaubar.

Nachdem wir endlich einmal ins Fjell wollten, der Tag herrlich war und wir zwar spät starteten, aber hier die Sonne mittlerweile erst um 22:04 untergeht, wagten wir es und entschieden uns für Variante 2. Eigentlich ließ es sich ganz gut an.

Ab und zu waren kleine Schneefelder, die den Weg versperrten, zu überwinden, aber prinzipiell war es gut zu fahren. Und die Weite des Fjells und der Blick auf die Umgebung war gewaltig.

Und so folgten wir dem Karrenweg, der zu einem schmalen Wanderweg wurde. Auch dieser Weg war großteils fahrbar. Auch wenn er von dem Schmelzwasser selber ein kleines Bächlein war.

Bis wir zu einem Bach aus Schmelzwasser kamen, der den Weg überflutete. Hier mussten wir uns erst auf die Suche nach einer Stelle machen, die schmal genug war um trockenen Fußes auf die andere Seite zu gelangen. Danach ging es weiter um einen See herum und wir bewegten uns nicht nur immer weiter ins Fjell hinein, sondern auch die Schneefelder wurden immer häufiger und länger, da wir uns langsam von der Südseite auf die Nordseite bewegten.

Zusätzlich machten uns Sumpfgebiete, verblocktes Gelände und  Wasserlöcher, die in regelmäßigen Abständen auftauchten das Leben schwer. Schließlich gelangten wir an einen weiteren Bachlauf und hier war es nicht möglich diesen trockenen Fußes zu überwinden, da er einfach zu breit war.

Also zunächst die Räder vom Gepäck befreien, Hosen hochkrempeln und die Wanderschuhe gegen die leichten Outdoorschuhe tauschen. Flußdurchwatungen sollte man nämlich nicht barfuß durchführen, schon gar nicht wenn das Flußbett wie hier aus großen Steinen besteht und eine starke Strömung herrscht. Das Wasser war natürlich auch eiskalt, es stammte ja direkt von den Schneefeldern um uns herum die langsam abschmolzen. Also mit der ersten Partie Gepäck durch, glücklicherweise waren die Steine im Wasser nicht glitschig, sondern im Gegenteil sogar recht griffig. Am anderen Ufer aus dem Wasser und dann zunächst die zwei Minuten Kälteschmerz abwarten, bis sich die Füße erholt haben und zurück und die nächsten Sachen holen. Katrins Rad hatte einen  etwas höheren Strömungwiderstand und wäre fast abgetrieben worden.
Ergänzung  von Katrin: Da ich ziemlichen Respekt vor strömendem Wasser habe da ich es schwer einschätzen kann und auch extrem kälteempfindlich bin, ist Martin hier eindeutig der Held des Tages. Während er mindestens viermal hin und her ist, schaffte ich gerade einmal die Furt auf die andere Seite. Alleine wäre ich hier gescheitert- na gut, alleine wäre ich auch nicht ins Fjell abgebogen.
Auf der anderen Seite angelangt wurde der Weg zwar etwas besser, dafür ging es jetzt mehr bergauf und die Schneefelder blieben uns erhalten. Oben sollte man aber wieder auf einen Karrenweg treffen. Das stimmte auch, aber dieser Weg war auch nicht viel besser, teilweise war der Untergrund extrem aufgeweicht und nachgiebig was den Rollwiderstand extrem erhöhte.

Nach fast endlosem Radl zerren, Sumpfgewatschle, nassen Füßen und Schuhen und viel Gefluche und Geschimpfe führte der Weg endlich bergab, immer wieder unterbrochen durch Schneefelder.

Ergänzung Katrin: also ich muss sagen, es gab verhältnismäßig wenig Gefluche und Geschimpfe. Ich zumindest habe mich für meinen Teil extrem zurückgehalten, ich habe ja selber auch entschieden ins Fejll abzubiegen. Martin meinte selber: also ich bin schon viele O......wege gefahren- und der kommt sicher unter die Top 5!
Die Sonne verschwand inzwischen langsam hinter den Bergen und tauchte den Himmel in einen wunderschönen rosa Farbton.  So war der Ausblick über das Fjell und die umliegenden Berge noch schöner.

Da das Wetter für morgen schlecht angesagt war, wollten wir aber auf jeden Fall zum Übernachten ins Tal. Nach zirka viereinhalb Stunden und 10 km Quälerei über das Fjell mündete der Karrenweg in eine gute Schotterstraße bei einer Hüttensiedlung. Ab hier gings nur noch auf einem guten Weg hinunter und um 22:14 Uhr hatten wir einen "geeigneten" Zeltplatz gefunden.
Ergänzung Katrin: Der Zeltplatz war etwas steinig und hing auf eine Seite, sodass neben Martin locker noch eine Person  Platz gehabt hatte, dafür ich auf meiner Seite gefühlsmäßig schon im Freien lag.
Noch war genug Restlicht zum Zelt aufstellen und Essen kochen und um 0:30, also ungefähr 14,5 Stunden nach unserem Start der Tagesetappe kuschelten wir uns erschöpft in unsere Schlafsäcke.
Unser Fazit: Wir hätten es nach unserer Erfahrung mit dem Schnee in der Hardangervidda besser wissen müssen. Aber wir habens nicht lassen können und wollten unbedingt einen Weg durchs Fjell wagen. Wer nicht hören will muss fühlen- oder schieben.
Die Wetterprognose sollte Recht behalten. Um 6:00 wachten wir auf und hörten es leicht regnen, das aber bald wieder aufhörte. Wir beschlossen die Regenpausen dazu zu nutzen unsere Sachen zusammenzupacken und das nasse Zelt zu verstauen. Das Frühstück wurde gestrichen und Energie wurde in Form von Schokolade zugeführt. So machten wir uns mit den bereits nassen Schuhen von gestern- super!- und bereits in voller Regenmontur auf den Weg. Da fiel uns auf, dass wir vor lauter Anstrengung einen Zeltplatz zu finden gestern doch tatsächlich übersahen, dass wir die 3000km Marke erreicht hatten.

Bei tiefhängenden grauen Wolken und teils Nebel ging es aus dem Uvdal- immer schön bergauf von 620m auf 1100m.

Herrlich, schwitzend bei dieser Feuchtigkeit in der angeblich "atmungsaktiven" Regenjacke und -hose. Es ist zu kalt um die Jacke auszuziehen aber drinnen zu wenig luftig- trotz der Belüftungsschlitze unter den Armen. Ich hoffe immer nur darauf, das die Leute denen wir begegnen keinen empfindlichen Geruchssinn haben, da hilft auch kein 100% Wolleleiberl- ich hab bereits einige Marken durchprobiert. Glücklicherweise hatte oben am Pass das Café der Hütte geöffnet und so gönnten wir uns ein angemessenes Frühstück: Cola und Burger mit Pommes und Waffeln. Nach der Stärkung ging es weiter hinab nach Dagali. Bei der Sichtung eines kleinen Supermarktes bog ich gleich ein um für Müsliriegelnachschub zu sorgen. Gleich wurden wir von einer Dame angesprochen die wissen wollte woher wir kamen. Nach dem kurzen Gespräch stellte ich mein Fahrrad ab und wollte schon zum Supermarkteingang schwenken. Da fiel es mir auf: ein Reissnagel mitten im meinem Reifen- und die Blasen an der Seite zeigten an, dass er auch den Schlauch durchstochen hatte. Na super- und das bei diesem Wetter. Ich ging einmal einkaufen. Und Martin, der Tolle, hat inzwischen meinen Schlauch gewechselt. Er dachte sich wohl, wenn ich es wieder alleine  machen will dann dauert das noch länger. Naja, und so ging es von Dagali zur Abwechslung wieder auf 1100m hinauf. Mal regnete es, mal nieselte es nur und dann war es wieder ziemlich neblig.

Oben angekommen rüstete ich mich mit einem Zusatzpulli wieder für die Abfahrt, um ihn gleich darauf wieder auszuziehen um wiedereinmal auf 1100m hinaufzustrampeln. Irgendwie scheinen hier  1100 Meter so die Standardhöhe zu sein. Nach dreimaligem erreichen dieser Standardmarke wars für heute genug.

Wir fuhren hinab nach Geilo, wo wir im Supermarkt für ein Abendessen sorgten. Da Geilo ein Sportort ist, wollten wir hier auch nochmals unser Glück mit dem Nahtimprägnierer für unser Zelt versuchen. Diesmal hat es nicht geklappt, weil die Geschäfte bereits geschlossen hatten. Und so suchten wir uns einen Campingplatz. Mit nassen und kalten Füßen war klar, dass wir heute auf eine Hütte ausweichen. Da wir nun keine trockenen Schuhe, mit Ausnahme meiner Flip Flops besitzen, wurden die erst einmal in den Trockenraum verfrachtet, wie auch unser Zelt. Und als Warmduscherin verachte ich niemals eine heisse Dusche nach einem Regentag mit kalten Füßen.

Am 19.5. erwachten wir und wie von der Wettervorhersage prognostiziert regnete es. Der Regen sollte aber im Laufe der Vormittagsstunden aufhören. Da wir wieder genug Zeit dafür benötigten unsere sieben Sachen zusammen zu packen, fuhren wir bei leichtem Nieseln los. Es ging entlang der Sykkelrute 4 in Richtung Gol. Anfangs war es eine kurze Gatschpartie. Der Radweg besserte sich und führte uns durch nette Waldstücke entlang des Halingdals und des Flusses

Nach den Höhenmetern und Schieberein der letzten beiden Tage meldeten sich bei den kleineren Anstiegen schnell die Oberschenkel zu Wort. Nicht nur der Weg wurde besser, sondern auch das Wetter. Zu regnen hatte es aufgehört und die Wolken fingen an sich zu heben.

Schon bald kam auch die Sonne durch. In Ål legten wir einen kurzen Zwischenstopp ein. Das Café hatte leider geschlossen, dafür hattte hier der Supermarkt am Sonntag geöffnet und so besorgten wir alles für ein "Do-it-yourself-Sandwich". Nach der Stärkung ging es weiter in Richtung Gol. Die Radroute führte uns durch teils mystische Waldstücke

Auch der Abenteurfaktor kam nicht zu kurz- auch heute mussten wir einmal furten. Das war allerdings eine Luxusfurt und somit ein Klacks für uns.

Nach knappen 59km machten wir an diesem Tag Schluss und schlugen unser Zelt auf einem Campingplatz bei Gol auf.

Top Übersicht
© lightriders.info, Impressum